In den Sommerferien 1981 machte ich mit einem Schulfreund eine allererste Fototour nach Dresden. Wir hofften, Lokomotiven der Baureihe 01 und 65 zu fotografieren. Was wir zu dem Zeitpunkt nicht wussten: Sie fuhren gar nicht mehr in Dresden. So mussten wir unsere Kameras auf Loks der Baureihen 132, 211, 242 und 250 richten. Das war für uns nicht so schlimm, denn diese fuhren in der Heimat Zittau auch nicht.
Zum Beginn des Jahres 1982 entwickelte sich aber eine Vorliebe für die zahlreichen Dampfloks, die vom Heimat-Bahnbetriebswerk Zittau aus eingesetzt wurden. Interessant war, dass zu diesem Zeitpunkt immer mehr Dampfloks nach Zittau kamen, als das welche abgestellt wurden. Die Deutsche Reichsbahn musste eben Diesel sparen.

Doch wie kam es überhaupt dazu, dass ich mich für die Eisenbahn so interessierte?
Das Haus, in dem ich aufwuchs, war nur 300 Meter vom Bahnhof entfernt. Und damals war dort eine Menge los: Güterzüge kamen an, wurden aufgelöst und zu neuen Güterzügen zusammen gestellt. Regen Personenverkehr gab es auf den Strecken nach Großschönau, Dresden, Löbau, Görlitz und nicht zu vergessen: auf der Schmalspurbahn ins Zittauer Gebirge.
Aber schon bevor der Schulalltag begann, wurden Spaziergänge mit meiner Oma gemacht. Wenn sie fragte, wo wir hin gehen wollen, gab es nur eine Antwort: »Auf den Bahnhof!«. Anfang der 1970er Jahre war der Bahnbetrieb noch fest in der Hand der Dampflokomotiven.
Besonders hatten mich aber immer die tschechischen Dampfloks interessiert. Ihre Dampfsirenen waren unheimlich laut, wenn sie vor der Abfahrt nach Liberec einen langen Achtungspfiff abgaben. Damals gab es noch sehr regen Transitgüterverkehr, meist mit – für Kinderbegriffe – unendlich langen Zügen. Als ich selbst noch nicht zählen konnte, übernahm die Oma das zählen der Wagen … 40 waren keine Seltenheit. Heute weiß man, es waren 556er, die mit ihrem Kylchap-Schornstein einen ganz besonders dumpfen Abdampfschlag hatten. Hätte man doch damals schon einen Fotoapparat gehabt!

Das Interesse zur Fotografie kam indes eher vom Vater. Wenn er die Küche mal an einem Winternachmittag in eine Dunkelkammer verwandelte, war ich natürlich begeistert dabei. Denn: Schwarz-Weiß-Filme und -Fotos wurden generell selbst entwickelt. Schnell war der Wunsch da, dass auch selbst zu machen. Was fehlte, war der eigene Fotoapparat. Die andere Oma erkannt diesen Wunsch und schenkte ihre alte »Voigtländer«-Rollfilmkamera – schön mit einem alten Lederbalg zum ausziehen. Der Nachteil war nur, die 6 x 9-Aufnahmen auf den Filmen konnten nicht selbst vergrößert werden. Und das Fotolabor, in dem die Filme entwickelt wurden, versaute nicht nur einen Film … Der dringende Wunsch war da, auf Kleinbildfilme umzusteigen. Ich erhielt einen »Certo SL 110« – eine kleine (ich traue mich kaum, dieses Wort zu verwenden) Kamera mit Schnellladekassetten, Bildformat 24 x 24 mm und immerhin mehreren Verschlusszeiten bis 1/125 Sek.
Richtig glücklich war ich verständlicherweise mit dem Teil nicht. Bald war genügend Taschengeld zusammen gespart, dass ich mir endlich 1982 eine gebrauchte »Altix-n« kaufen konnte. Die Kamera hatte immerhin eine Carl-Zeiss-Objektiv und irgendwann ergatterte ich sogar ein gebrauchtes Teleobjektiv dafür.

Schnell entwickelte sich beim Fotografieren in den Dampflok-Hochburgen Bautzen, Kamenz, Nossen oder den zahlreichen sächsischen Schmalspurbahnen ein eigener Motivstil. Es wurden zunehmend gestalterische Elemente einbezogen: die Landschaft, dass Umfeld der Eisenbahn, grasende Tiere oder landwirtschaftliche Geräte.
Doch die Ansprüche stiegen weiter. Vom ersten selbst verdienten Geld (das reichte natürlich hinten und vorn nicht) erwarb ich 1984 eine »Pentacon Six«, eine 6 x 6-Mittelformatkamera. Nun wurde meistens »zweiäugig« fotografiert, d. h. mit der Kleinbildkamera wurden Dias gemacht.

Mitte 1985 kam mir die Idee, sich nicht wahllos mal hier und da an die Strecke zu stellen, sondern gezielt den Dampflokeinsatz auf der »Hausstrecke« Zittau–Bischofswerda zu dokumentieren. Das klang ehrgeizig, war aber ein machbares Unterfangen. Meistens fuhr ich früh mit dem Personenzug nach Wilthen oder Neukirch, dass Fahrrad im Gepäckwagen. Die meisten Fotos entstanden dann bei der Verfolgung des N 65277. Da der Zug für die 64 Kilometer lange Strecke über 4,5 Stunden brauchte und u. a. in Wilthen, Sohland, Ebersbach, Neugersdorf und Oberoderwitz längere Rangieraufenthalte einlegte, ging die Verfolgung per Fahrrad recht problemlos. Ab 1986 ging es motorisiert an die Strecke. Als die besten Motive im Archiv waren, fertigte ich mir daraus ein eigenes Eisenbahnbuch. Die Fotos wurden durch sinnige beschreibende Texte ergänzt.
Auch die zweite »Hausstrecke«, die Schmalspurbahn Zittau–Oybin/Jonsdorf wurde nahezu Meter für Meter im Bild festgehalten, sollte sie doch dem Kohleabbau geopfert und am 26. Mai 1990 stillgelegt werden.

Inzwischen gab auch die gute alte »Altix-n« ihren Geist auf und wurde durch eine andere gut bewährte Kamera ersetzt, eine »Praktika MTL 5«. Während die Kameratechnik zuverlässig Dienst tat, war die Qualität besonders der Diafilme oft unter aller Sau. Manchmal hätte man am liebsten den frisch entwickelten Film im Papierkorb entsorgt …

Ab 1990 wurden die Foto-Touren seltener, da die Bahn ein immer sterileres Aussehen bekam. Mit der Umzeichnung der Loks in das DB-Schema schwand das letzte bisschen Lust zum Fotografieren fast völlig.
Wegen mehrerer Umzüge fristeten die Fotos und Dias in Kartons staubdicht verpackt ein Schattendasein in der Bodenkammer. Anfang 2000 fiel mir bei den Vorbereitungen zu einem erneuten Umzug ein Aktenordner in die Hände. Der Inhalt: Die oben erwähnte fotografische Dokumentation der Eisenbahnstrecke Zittau–Bischofswerda. Mir kam die Idee, diese Bildmaterial irgendwie die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Herausgabe als Buch schied der Kosten wegen aus. Vielmehr schwebte mir eine digitale Variante vor Augen – im Internet zum Beispiel. Auch diese Möglichkeit schied aufgrund des Umfangs der Datenmengen aus, war doch Speicherplatz im Internet damals recht teuer und die Übertragungsgeschwindigkeit war noch recht langsam. Blieb noch die Möglichkeit, das Ganze auf eine CD zu brennen – die Geburtsstunde der Eisenbahn-CD-ROMs!
Zu der CD über die Strecke Zittau–Bischofswerda kam noch eine CD über die Schmalspurbahn Zittau–Oybin/Jonsdorf dazu, sowie visuelle Rundreise über die Eisenbahnstrecken der Oberlausitz mit Dampfzügen. Schließlich folgte noch eine Dokumentation über den Einsatz der 99 713 im September 2003 auf der ZOJE.

Inzwischen entwickelte es sich auf der Seite der Kameratechnik ebenfalls weiter: 2000 – Minolta »Dynax 303«, 2002 folgte die meine erste Digitalkamera, die aus heutiger Sicht sündhaft teure »Minolta Dimage 7i«, die Ende 2007 von einer »Canon 400D« abgelöst wurde.

Als das Ende der Baureihe 202 nahe war, ging es wieder oft zum Fotografieren an die Strecke. Auch vom folgenden LVT-Einsatz auf den Strecken zwischen Zittau und Großschönau sowie Görlitz wurden zahlreiche Lichtbilder angefertigt. Mit dem pestartigen Aufkommen der einheitsroten DB-Triebwagen musste ein neues Interessengebiet gesucht werden. Ich fand es im nur wenige Kilometer entfernten Tschechien. Es gab hier fantastische Strecken inmitten schöner Landschaft – was für mich besonders wichtig ist, interessanten Fahrzeugeinsatz und auf so mancher Nebenstrecke Güterverkehr.
Um Gleichgesinnte ausfindig zu machen, wurde speziell zum Thema tschechische und später auch slowakische Eisenbahn ein Forum eingerichtet, was wiederum auf alle europäischen Länder des ehemaligen Ostblocks erweitert wurde.

Die CDs zu den Bahnstrecken der Oberlausitz biete ich derzeit nicht mehr an. Mittlerweile wären alle Veröffentlichungen stark überarbeitungswürdig, denn die Technik (Scanner, Bildbearbeitung usw.) hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Andererseits habe ich mich noch einmal auf die Schulbank gesetzt, um meinen Traumberuf »Mediengestalter« zu lernen. Aus diesem Grund fehlte mir einfach die Zeit zur Überarbeitung. Durch mein neues Wissen kann ich es auch nicht mehr verantworten, die CDs so wie sie sind, weiter zu verkaufen. Inzwischen ist die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Sicherlich wird es irgendwann eine Überarbeitung geben. Doch derzeit gibt es keinen zeitlichen Rahmen dafür. Wahrscheinlicher ist allerdings eine gedruckte Form.

Michael Leskau

 

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